Michael Reifig über Die Rache der Tauben, verpasste Gespräche und Literatur, die nicht beruhigen muss
Von The Author Ledger
Ein Roman kann mit einem Einfall beginnen. Die Rache der Tauben begann mit einer Kartonschachtel.
Nach seinem Umzug nach Zürich stiess Michael Reifig darin auf einen ausgedruckten Text, den er rund dreissig Jahre zuvor geschrieben und längst aus dem Blick verloren hatte. Die digitale Fassung war verschwunden, der Ausdruck geblieben. Reifig scannte den Text ein und überarbeitete ihn. Dabei merkte er, dass er noch nicht für sich allein stehen konnte.
Aus diesem Fund entwickelte sich sein erster Roman. Der alte Text wurde zum Manuskript eines verstorbenen Vaters. Hinzu kam ein Sohn, der nach dessen Tod die Wohnung auflösen muss und dabei auf genau dieses Manuskript stösst. Aus zwei zeitlich weit auseinanderliegenden Schreibphasen entstand so eine Geschichte über Nähe und Distanz, über das, was hätte gesagt werden müssen, und über den Moment, in dem es dafür zu spät ist.
Ein Gespräch, das nicht mehr stattfinden kann
Für Reifig liegt im Verhältnis zwischen Vater und Sohn eine verpasste Gelegenheit, Dinge zu regeln. Söhne hätten mit ihren Vätern oft etwas zu klären, sagt er. Manchmal gibt es keinen Kontakt mehr, manchmal fehlt der Mut, manchmal ist der Vater bereits gestorben. In Die Rache der Tauben wird aus dieser Unmöglichkeit eine literarische Konstruktion. Der Sohn kann sich noch äussern, der Vater nicht mehr.
Der Vater muss zuhören, kann nichts erwidern. Dieser Gedanke verdichtet einen grossen Teil der Spannung des Romans. Das Gespräch findet statt und bleibt doch einseitig. Die Sprachlosigkeit zwischen den beiden Figuren ist nicht bloss ein Thema, sondern in die Form des Buches eingeschrieben.
Dass der Vater zudem sein Gehör verliert, verstärkt diese Ebene. Als Reifig den älteren Text vor Jahrzehnten schrieb, existierte die Figur des Sohnes noch gar nicht. Erst beim späteren Ausbau des Romans wurde für ihn deutlich, wie stark das fehlende Hören auch für die fehlende Verständigung zwischen Vater und Sohn steht.
Die Taube, der Taube und ein Titel, der sich nicht festlegen lässt
Auch das zentrale Motiv des Romans entstand nicht aus einer einzigen Quelle. Reifig sagt offen, dass er Tauben nicht mag, insbesondere Stadttauben. Später begegnete ihm das Tier erneut in Patrick Süskinds Die Taube, die er mit einer Klasse behandelte und in der die Taube ebenfalls zur Bedrohung wird, sowie in Tim Burtons Mars Attacks, wo ausgerechnet eine Taube von den Ausserirdischen als Bedrohung verstanden wird.
Entscheidend wurde jedoch das Sprachspiel. Im Deutschen stehen die Taube als Vogel und der Taube als gehörloser Mensch nebeneinander. Im Titel Die Rache der Tauben bleibt offen, welche Bedeutung gemeint ist. Erst der Kontext könnte Klarheit schaffen. Gerade diese Klarheit verweigert der Titel.
Reifig sagt, er habe diese Titelwahl im Nachhinein zeitweise ein wenig bedauert. Gleichzeitig passt die Mehrdeutigkeit auffallend gut zu einem Roman, der auch an anderer Stelle keine einfachen Auflösungen anbietet. Das Uneindeutige ist hier kein Fehler, der beseitigt werden muss, sondern Teil der Leseerfahrung.
Literatur muss nicht beruhigen
Als Charles Linsmayer die Atmosphäre und Drastik von Die Rache der Tauben in die Nähe von Kafka und Daniil Charms rückte, fühlte sich Reifig zunächst vor allem geschmeichelt. Die Einschätzung berührt jedoch auch etwas, das für sein eigenes Literaturverständnis zentral ist.
Literatur müsse nicht unbedingt beruhigen, sagt er. Im Gegenteil. Wenn ein Text durch seine inhaltliche Aussage noch provozieren könne, sei überspitzt formuliert noch nicht alles verloren. Dabei zieht Reifig eine klare Grenze. Provokation meint für ihn keine Beleidigung und keine persönliche Herabsetzung.
Hinter dieser Haltung steht auch sein Blick auf die Gegenwart. Reifig beschreibt die heutige Welt als eine permanente latente Bedrohung. Vor diesem Hintergrund wirkt es folgerichtig, dass die Tauben im Roman nicht statisch bleiben. Was zunächst beinahe alltäglich erscheint, gewinnt zunehmend etwas Unheimliches und Bedrohliches.
Das Recht des Lesers auf Unsicherheit
Diese Haltung zeigt sich auch darin, wie Reifig über offene Enden und Mehrdeutigkeit spricht. Er mag es nicht, wenn ihm ein Text erklärt, was er ohnehin schon weiss. Wichtiger ist ihm das Überraschungsmoment, jener Augenblick, in dem eine Geschichte eine Erwartung unterläuft und den Leser zwingt, selbst weiterzudenken.
Er sucht deshalb gerne Literatur abseits des Mainstreams, solange sie nicht so verkopft wird, dass der Zugang verloren geht. Dass Han Kang und Jon Fosse später mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden, habe ihn besonders gefreut. Beide kannte er bereits lange zuvor. Mit Fosse ist Reifig nach eigener Aussage ebenfalls schon verglichen worden.
Für Die Rache der Tauben bedeutet das Folgendes. Der Roman muss nicht jede Unsicherheit beseitigen. Im Gegenteil. Ein Teil seiner Wirkung entsteht gerade dort, wo der Leser nicht mit einer abschliessenden Erklärung entlassen wird. Dazu gehört für Reifig auch ein weiterer Grundsatz: Der Autor hat nicht die Deutungshoheit über seinen Text.
Schreiben lernt man durch Schreiben

Reifig hat Germanistik und Philosophie studiert und sich über viele Jahre intensiv mit Sprache und Literatur beschäftigt. An der Universität habe er nicht gelernt, literarisch zu schreiben. Gelernt habe er dort vor allem, Texte zu analysieren. Dabei halfen ihm auch Sprachphilosophie und Aussagelogik.
Schreiben lernt man nur dadurch, dass man schreibt, sagt er. Die analytische Schulung aus dem Studium empfindet er beim eigenen Schreiben dennoch als Vorteil. Studium und Lektüre eröffnen unterschiedliche Lösungen, Formen und Verfahren, auf die man beim Schreiben zurückgreifen kann. Hinzu kommt für Reifig die Fähigkeit, das eigene Tun immer wieder kritisch zu prüfen.
Der Wunsch, selbst einmal ein Buch zu schreiben und möglichst auch zu veröffentlichen, reicht bei ihm weit zurück. Früher malte er und hatte Ausstellungen im Inland und im Ausland. Geschrieben habe er jedoch eigentlich immer. Mit Die Rache der Tauben wurde aus diesem langjährigen Wunsch schliesslich ein veröffentlichtes Buch. Für diesen Schritt ist er auch Herrn Howeg dankbar, der den Mut hatte, den Roman herauszubringen.
Nach dem ersten Roman ist nicht Schluss
Die Rache der Tauben ist für Reifig kein einmaliger Ausflug in die fiktionale Literatur. Sein Roman Der Pärkler ist nach eigener Einschätzung bereits druckreif. Zugleich arbeitet er an einem weiteren Projekt mit dem Titel Es ist er.
Darin begegnen sich zwei Männer, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken. Im Verlauf der Geschichte treten jedoch immer mehr Gemeinsamkeiten hervor, bis für den Lesenden die Gewissheit darüber ins Wanken gerät, wer eigentlich wer ist.
Auch dieses Projekt knüpft damit an etwas an, das bereits Die Rache der Tauben prägt. Reifig interessiert sich für Identitäten, die sich nicht sofort festlegen lassen, für Wahrnehmungen, die sich verschieben, und für Geschichten, die ihren Lesern nicht jede Deutung abnehmen.
Was bleiben soll ist Neugier
Auf die Frage, was nach der letzten Seite von Die Rache der Tauben zurückbleiben soll, gibt Reifig keine grosse Botschaft vor. Er geht davon aus, dass kaum jemand zufällig zu seinem Buch greift. Wer es liest, bringt vermutlich bereits Neugier mit.
Und genau diese Neugier soll bleiben.
Vielleicht ist das die treffendste Beschreibung dessen, was Michael Reifig von Literatur erwartet. Sie soll den Leser nicht mit einer fertigen Antwort entlassen. Sie darf irritieren, überraschen und Fragen offenlassen. Wenn nach dem letzten Satz etwas weiterarbeitet, dann ist es nicht unbedingt Gewissheit, sondern der Wunsch, noch einmal hinzusehen.
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