Eine Aktie hat einen Kurs. Diese Vorstellung ist bequem und im europäischen Handel nur eingeschränkt zutreffend.
Dasselbe Papier wird an mehreren Plätzen gleichzeitig gehandelt: an Xetra, an der Börse Frankfurt, an Regionalbörsen sowie an multilateralen Handelssystemen. Jeder dieser Plätze führt ein eigenes Orderbuch mit eigener Tiefe, eigenen Spreads und eigenen Handelszeiten.
Für kleine Orders in liquiden Werten spielt das kaum eine Rolle. Bei größeren Positionen, in weniger gehandelten Papieren und in Phasen erhöhter Volatilität wird der Unterschied messbar.
Warum Marktstruktur in die Ausbildung gehört
Eine Trading-Akademie vermittelt üblicherweise Instrumente, Analyse und Risikosteuerung. Die Frage, wo eine Order tatsächlich ausgeführt wird, taucht selten auf, obwohl sie direkt auf die Ausführungsqualität wirkt.
Der Zusammenhang ist konkret. Wer das Tagesvolumen eines Papiers betrachtet und die Positionsgröße daran ausrichtet, verwechselt zwei Dinge: das insgesamt gehandelte Volumen über alle Plätze hinweg und die Liquidität, die an einem bestimmten Platz zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich erreichbar ist.
Diese beiden Zahlen fallen umso stärker auseinander, je weniger liquide das Papier ist.
Wo der Umsatz tatsächlich anfällt
Die Verteilung ist öffentlich dokumentiert und deutlicher konzentriert, als die Zahl der Handelsplätze vermuten lässt.
Eine Einordnung der beiden Frankfurter Plätze nennt konkrete Anteile: Xetra kommt auf rund 60 Prozent des europaweiten Orderbuchumsatzes von DAX-Aktien sowie auf rund 30 Prozent des europäischen ETF-Handels.
Dieselbe Darstellung beschreibt den Unterschied im Handelsmodell. Xetra steht für vollautomatischen Handel mit Fokus auf Aktien, ETFs und ETPs. Die Börse Frankfurt arbeitet mit dem klassischen Spezialistenhandel, sichert dadurch Liquidität auch in weniger gehandelten Papieren und führt mit rund 1,7 Millionen gelisteten Wertpapieren ein deutlich breiteres Angebot.
Daraus ergibt sich eine praktische Faustregel. Für Standardwerte und gängige ETFs liegt die Tiefe im elektronischen Orderbuch. Für Nischenprodukte kann der betreute Handel die verlässlichere Ausführung liefern.
Bemerkenswert ist auch die zweite Zahl. Rund 30 Prozent des europäischen ETF-Handels an einem einzigen Platz bedeutet, dass der übrige Umsatz über zahlreiche andere Plätze verteilt ist. Wer denselben ETF an unterschiedlichen Handelsplätzen beobachtet, sieht deshalb regelmäßig abweichende Spreads für dasselbe Produkt.
Wie das Orderbuch tatsächlich arbeitet
Der fortlaufende Handel ist nur ein Teil des Tages, und die Auktionen sind für die Ausführungsqualität mindestens ebenso wichtig.
Die Handelsplatzbeschreibung erläutert, dass Orders im Orderbuch nach festen Regeln zusammengeführt werden, dass Auktionen unter anderem zur Preisfeststellung am Ende des Handelstages stattfinden und dass ein erheblicher Anteil des Handelsvolumens in Auktionen ausgeführt wird.
Der Ablauf hat drei feste Punkte: die Eröffnungsauktion, eine untertägige Auktion und die Schlussauktion. In jeder dieser Phasen wird Liquidität gebündelt und zu einem einzigen Preis ausgeführt.
Die Schlussauktion verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Ihr Kurs dient institutionellen Anlegern als Bewertungsreferenz für Depots und Fondsbestände, weshalb dort regelmäßig das höchste Volumen des Tages zusammenkommt.
Für Privatanleger folgt daraus ein nützlicher Hinweis: Die Auktion ist ein Liquiditätsereignis und keine Nebensache am Tagesende. Wer eine größere Order in einem weniger liquiden Papier platzieren möchte, findet dort oft mehr Gegenseite als im fortlaufenden Handel.
Was Handelszeiten mit Liquidität zu tun haben
Der Handelstag ist nicht gleichmäßig gefüllt. Für Privatanleger wurde er zuletzt deutlich verlängert, was die Verteilung zusätzlich verändert:
- Kernhandelszeit von 9:00 bis 17:30 Uhr, in der die Tiefe am größten ist
- Erweiterte Zeiten bis 22:00 Uhr, mit spürbar dünnerem Orderbuch
- Auktionsphasen, in denen Liquidität gebündelt statt fortlaufend bereitgestellt wird
- Überschneidung mit US-Märkten am Nachmittag, die Bewegung in international gelistete Werte bringt
Die erweiterte Handelszeit erhöht die Flexibilität und nicht automatisch die Liquidität. Wer außerhalb der Kernzeit handelt, sollte mit weiteren Spreads und geringerer Tiefe rechnen.
Worauf bei der Handelsplatzwahl zu achten ist
- Orderbuchtiefe statt Tagesvolumen betrachten, da nur Erstere im Moment der Ausführung erreichbar ist
- Spread mit dem üblichen Niveau desselben Papiers vergleichen, nicht mit anderen Werten
- Limitorders verwenden, insbesondere außerhalb der Kernhandelszeit
- Handelsplatzentgelte in die Gesamtkosten einrechnen, da sie je nach Platz abweichen
- Bei Nischenprodukten den betreuten Handel prüfen, wo ein Spezialist Liquidität stellt
Der letzte Punkt wird häufig übersehen. Bei gering gehandelten Papieren kann der Platz mit dem kleineren Gesamtvolumen die bessere Ausführung liefern, weil dort jemand verpflichtet ist, überhaupt einen Kurs zu stellen.
Was daraus folgt
Für Standardorders in liquiden Werten während der Kernzeit funktioniert die Ausführung so zuverlässig, dass sich die Frage nach dem Handelsplatz kaum stellt.
Relevant wird sie an den Rändern: bei größeren Positionen im Verhältnis zur verfügbaren Tiefe, bei weniger gehandelten Papieren und in den Randzeiten des verlängerten Handelstages. Genau dort entstehen die Kosten, die in keiner Gebührenübersicht auftauchen und sich über viele Transaktionen hinweg summieren.
Die nötigen Informationen stehen im Orderbuch und in den Handelsplatzbedingungen. Der Aufwand besteht darin, sie einmal bewusst zu prüfen, statt sie als gegeben hinzunehmen.
